Pflanzentraining in RDWC: Struktur entscheidet über den Ertrag
Topping, Manifold, LST und Lollipopping – warum in einem RDWC-System die Struktur der Pflanze mindestens so wichtig ist wie die Nährlösung.
In einem gut laufenden RDWC-System stößt die Pflanze an eine seltene Grenze: Sobald die Wurzeln frei im sauerstoffreichen Reservoir hängen, ist die Versorgung praktisch nicht mehr der limitierende Faktor. Was dann über den Ertrag entscheidet, ist nicht mehr die Nährlösung – sondern die Struktur, die man der Pflanze gibt. Training ist der Hebel, mit dem sich das genetisch angelegte Potenzial einer Kultur überhaupt erst ausschöpfen lässt.
Der Anspruch dabei ist nicht, die Pflanze zu bändigen, sondern ihr eine Architektur zu geben, in der jeder Trieb Licht und Energie bekommt. Eine unbehandelte Pflanze steckt den Großteil ihrer Kraft in einen einzigen dominanten Haupttrieb; alles darunter bleibt Beiwerk. Ziel des Trainings ist, aus diesem einen Trieb mehrere gleichwertige zu machen.
Topping und Manifold: aus eins mach viele
Beim Topping wird der Haupttrieb über einem Blattknoten (Node) gekappt. Die Pflanze reagiert, indem sie die beiden darunterliegenden Seitentriebe zu neuen, gleichwertigen Haupttrieben hochzieht. Wer diesen Schnitt gezielt wiederholt, baut ein symmetrisches Gerüst auf – in der Praxis oft Manifold oder Mainlining genannt.
Ein bewährter Aufbau: erstes Topping über dem dritten Node, sodass sich die Pflanze in zwei saubere Arme teilt. Ein zweites Topping auf jedem dieser Arme führt dann zu acht gleichwertigen Endtrieben. Wichtig ist die Erholungszeit – zwischen den Schnitten fünf bis sieben Tage, damit die Pflanze den Eingriff verkraftet und kräftig weitertreibt, statt zu stocken.
LST: das Kronendach flach halten
Low Stress Training (LST) ergänzt das Ganze ohne Schnitt: Die Triebe werden vorsichtig heruntergebunden, sodass ein flaches, gleichmäßiges Kronendach entsteht. Der Sinn dahinter ist simpel, aber entscheidend – Licht nimmt mit dem Quadrat der Entfernung ab. Ein ebenes Dach sorgt dafür, dass alle Endtriebe denselben Lichtabstand haben und gleichmäßig entwickeln, statt dass ein Mitteltrieb den Rest beschattet.
Timing: vor dem generativen Umschwung abschließen
Der strukturelle Aufbau gehört vollständig in die vegetative Phase. Das formgebende Training sollte weitgehend abgeschlossen sein, bevor die Kultur in die generative Phase übergeht – bei photoperiodischen Pflanzen also vor der Umstellung des Lichtregimes. Danach steckt die Pflanze ihre Energie in die Ausbildung der Blüten- bzw. Fruchtstände; größere Eingriffe kosten in dieser Phase unnötig Kraft und Zeit.
Lollipopping: Energie nach oben lenken
Kurz vor oder in der frühen generativen Phase folgt der letzte Schritt: Lollipopping – das Entfernen der unteren Triebe und Blätter, die im Schatten liegen und kein direktes Licht bekommen. Diese unteren Ansätze würden nur kümmerliche Kleinstände bilden, die überproportional Energie kosten. Wer sie entfernt, lenkt die gesamte Kraft der Pflanze in die oberen, lichtexponierten Endtriebe.
Der rote Faden
Topping, LST und Lollipopping wirken auf dasselbe Ziel hin: jeder verbleibende Endtrieb bekommt Licht und Energie. Genau hier potenziert RDWC den Effekt. Weil die Wurzeln ungebremst versorgt werden, kann die Pflanze die zusätzliche Struktur auch tatsächlich bedienen – vorausgesetzt, die Wasserwerte bleiben stabil. Training entscheidet dann darüber, ob dieses Versorgungspotenzial in acht gleichmäßige Endtriebe fließt oder in einen dominanten Trieb und viel Beiwerk.
Ob eine Kultur ihr genetisch angelegtes Potenzial erreicht, ist nie garantiert – dafür spielen zu viele Faktoren zusammen. Aber ein sauber geführtes Trainingskonzept ist die Voraussetzung, ohne die es gar nicht erst möglich wird.